Helsinki, 25. August 1991.
Ein finnischer Informatikstudent sitzt vor seinem Computer und postet eine kurze Nachricht im Usenet. Newsgroup: comp.os.minix.
„I’m doing a (free) operating system (just a hobby, won’t be big and professional like gnu)…"
Der Student heißt Linus Torvalds. Er ist 21 Jahre alt. Sein Hobby wird Linux.
35 Jahre später läuft dieses Hobby auf 96 Prozent aller Webserver der Top-Million (W3Techs, 2024). Auf 100 Prozent der schnellsten Supercomputer der Welt (Top500.org, November 2024). Und im Inneren jedes zweiten Smartphones, denn Android baut auf dem Linux-Kernel auf.
Nicht trotz Offenheit ist Linux groß geworden. Sondern wegen Offenheit.
Schon acht Jahre vor Torvalds hatte Richard Stallman 1983 am MIT das GNU-Projekt gestartet. 1985 folgte die Free Software Foundation. 1989 die GPL-Lizenz, die Offenheit rechtlich verbindlich macht.
1998 wird der Begriff Open Source offiziell geprägt – von Christine Peterson, Eric Raymond und Bruce Perens. Im selben Jahr gibt Netscape den Quellcode des Browsers frei. Daraus wird Mozilla. Daraus wird Firefox.
2001 geht Wikipedia online. Heute: 6,8 Millionen Artikel allein in der englischsprachigen Version. Betrieben mit einem Jahresbudget, das kleiner ist als das Marketingbudget einzelner Tech-Konzerne.
Die wichtigsten Werkzeuge der digitalen Welt sind offen. Nicht trotz Offenheit. Wegen Offenheit.
Offen war nie ein Risiko
Microsoft hat Open Source 2001 öffentlich als „Cancer" bezeichnet. CEO Steve Ballmer warnte, freie Software sei eine Bedrohung für geistiges Eigentum.
2018 hat dasselbe Unternehmen GitHub übernommen. Für 7,5 Milliarden US-Dollar. Und ist seitdem einer der größten Open-Source-Beitragenden der Welt.
Was hat sich geändert? Nicht die Software. Die Erkenntnis.
Eine Studie der Harvard Business School (Hoffmann, Nagle, Zhou 2024) hat den ökonomischen Wert von Open Source beziffert: 8,8 Billionen US-Dollar Substitutionswert weltweit. Hätte jedes Unternehmen den Code selbst entwickelt, wären die Kosten 3,5-mal höher.
Die Synopsys OSSRA 2024 hat 1.067 kommerzielle Codebases untersucht. Ergebnis: 96 Prozent enthalten Open-Source-Komponenten. 77 Prozent des Codes ist offen.
Die Frage ist also nicht mehr, ob Unternehmen Open Source nutzen. Sie tun es alle. Die Frage ist, was sie davon gelernt haben.
Was ist mit deinem Bewerbungsprozess?
Open Source ist nicht in erster Linie eine Technologie. Es ist eine Haltung. Drei Prinzipien.
• Transparenz: Jeder Commit hat einen Namen. Jede Änderung lässt sich prüfen.
• Standards: Die Schnittstellen sind einheitlich. Wer mitmacht, muss das System nicht jedes Mal neu lernen.
• Zugang: Keine Hürde am Eingang. Wer beitragen kann, darf beitragen.
Jetzt schau auf deinen Bewerbungsprozess.
Wie viel davon ist nachvollziehbar? Wer Bewerbungen ablehnt – warum genau? Welche Kriterien werden angelegt? In welcher Reihenfolge? Was passiert, wenn jemand nachfragt?
In den meisten Unternehmen lautet die ehrliche Antwort: weiß man nicht so genau. Der Prozess existiert irgendwo in den Köpfen. In einer Excel-Liste. In drei verschiedenen Tools. In E-Mails.
Das ist nicht Open Source. Das ist Closed Source. Und es kostet.
Konkret kostet es so:
• Login-Chaos: Jeder Arbeitgeber sein eigenes Portal, sein eigenes Passwort, sein eigenes Formular. Wer sich auf zehn Stellen bewirbt, legt zehn Konten an.
• Versteckte Kriterien: Bewerberinnen wissen nicht, was zählt. Sie raten – oder geben auf.
• Inkompatible Formate: Mal PDF, mal Word, mal Online-Formular, mal Video-Interview mit eigener App. Jede Hürde filtert.
• Fehlende Eskalationspfade: Was tun, wenn das Formular nicht funktioniert? Wenn das Captcha nicht löst? Wenn ein Screenreader an einer Pflichtangabe scheitert? Meistens: nichts.
• Schwarzes Loch nach dem Absenden: Keine Antwort. Keine Bestätigung. Kein Status. Kein Commit-Log.
In Deutschland leben 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen (Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2021). Die Arbeitslosenquote schwerbehinderter Menschen lag 2024 bei rund 11 Prozent – fast doppelt so hoch wie die Gesamtquote von 5,9 Prozent (Bundesagentur für Arbeit, „Arbeitsmarkt kompakt 2024"). Nur rund 39 Prozent der pflichtigen Arbeitgeber erfüllen ihre 5-Prozent-Quote nach § 154 SGB IX vollständig.
Das ist kein Talentmangel. Das ist Closed Source.
Wer den Bewerbungsprozess als Geheimwissen behandelt, schließt jene aus, die Klarheit brauchen, um überhaupt anzufangen.
Was passiert, wenn du den Prozess öffnest
Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Es verpflichtet Anbieter digitaler Dienstleistungen zur Barrierefreiheit. Bewerbungsverfahren im Geltungsbereich gehören dazu.
Die Frage ist also nicht mehr, ob du den Prozess öffnen musst. Sondern wann. Und wie aufwendig der Umbau wird, wenn du wartest.
Wer früher öffnet, gewinnt drei Dinge:
• Reichweite: Mehr Menschen können sich überhaupt bewerben – nicht weil sie weniger Qualifikation brauchen, sondern weil sie überhaupt durchkommen.
• Vertrauen: Klare Prozesse sind ein Signal. Wer weiß, was als Nächstes passiert, bleibt im Verfahren.
• Vergleichbarkeit: Standardisierte Bewerbungswege machen Auswahl fairer – nicht weil alle gleich sind, sondern weil das Verfahren für alle gleich ist.
Genau das ist Open Source: gemeinsamer Standard, individuelle Beiträge. Kein Verlust an Vielfalt – im Gegenteil. Linux gibt es in hunderten Distributionen. Aber der Kernel ist derselbe.
Kaoba funktioniert nach demselben Prinzip. Ein Profil. Ein Prozess. Ein einheitlicher, barrierearmer Bewerbungsweg, den Arbeitgeber, Schulen, Träger und Talente teilen. Kostenfrei für Bewerberinnen und Bewerber. Kostenlose Praktikumsanzeigen für Inklusionsunternehmen und kleine Betriebe.
Nicht weil das nett ist. Sondern weil es funktioniert.
Stallman hat das GNU-Projekt 1983 gestartet, weil ein Drucker am MIT keine Treiber-Quellen mitlieferte. Eine technische Frustration wurde zur Bewegung.
Deine eigene Quelle der Frustration ist vielleicht eine Bewerbung, die im System verschwindet. Eine Kandidatin, die abbricht. Eine offene Stelle, die seit Monaten nicht besetzt wird.
Das ist kein Schicksal. Das ist eine Designentscheidung.
Fazit
Closed Source ist kein Schutz. Es ist eine Steuer.
Inklusion ist kein Add-on. Es ist der offene Standard.






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